Richtung Kuggören und zurück
Sonntag, 31.05.2026
Was ein Tag… Zuerst – der Schwede, von dem ich zuletzt erzählt hatte, wollte ja noch nach einem Schlauchverbinder schauen. Ich hatte ihm am Vorabend gesagt dass er ja schauen kann ob ich noch da bin und ggf. kann ich ihm noch helfen den Schlauchverbinder zu montieren. Doch am Morgen ist es ruhig an meinem Boot.
So gehe ich einmal vor um zu schauen ob er klar kommt. Ein anderer Schwede kommt von Bord. Er hatte ihm geholfen den Kraftstoffschlauch zu tauschen da wohl kein Schlauchverbinder aufzutreiben war. Er möchte wohl erst einmal ohne Vorfilter fahren. Aber jetzt hing er am Kraftstofffilter der zwar gelöst war, aber sich nicht abziehen lassen wollte da das bei diesem alten Yanmar Motor unglücklich eng verbaut ist. Ich versuche mein Glück und bekomme das Gehäuse abgezogen. Dabei fliegt jedoch die Überwurfschraube klappernd in die Bilge. Der Motor ist bei diesem Boot so bescheiden verbaut, dass man nicht mit einem Arm in den Raum unter den Motor kommt. Die Überwurfschraube ist erst nicht zu sehen. Ich versuche es von der anderen Seite von der Plicht. Schließlich kann ich das begehrte Stück entdecken. Mit einem Teleskopstab kann ich das Teil heranziehen und retten. Jetzt kann der neue Filter montiert werden (wobei das Filtergehäuse zuvor mit etwas Diesel gefüllt wird). Dann noch den Kraftstoffschlauch fertig montieren. Ich erkläre ihm das es wichtig ist, den Motor jetzt zu entlüften da er einiges an Luft im System hat – u.a. vom neuen Kraftstoffschlauch.
Und als Dankeschön bekomme ich neben einigen Dosen Bier – tarara – einen Bootshaken 🙂


Jetzt, nach einer gründlichen Wäsche der Hände und Arme, kann es für mich endlich losgehen. Das Wetter sieht bestens aus. Strahlend blauer Himmel und ein leichter Wind. Im Sund von Hudiksvall segelt es sich herrlich. Ich kann sogar das engere Fahrwasser mit den Untiefen links und rechts hindurch segeln. Doch dann komme ich um die Ecke der Halbinsel Lövsalen und es sollte jetzt Richtung Nord gehen. Ich hatte auf einem Am-Wind-Kurs gehofft. Doch plötzlich verkehrte Welt – Wind (mit 17 Knoten) und Welle kommen genau von vorne, der Richtung in die ich muss. Selbst kreuzen macht keinen Sinn, ich laufe keine Höhe. Und dazu kommt noch Nebel auf. Es hilft nichts – obwohl ich 2/3 der Strecke geschafft habe, muss ich abbrechen.
Nachdem ich wieder zurück um das Eck bin, ist es deutlich ruhiger. Ich bin in der Abschattung der Landmasse. Aber es ist deutlich kälter geworden. Wäre es wärmer, würde ich jetzt vielleicht nach einem Ankerplatz Ausschau halten. Aber ich habe im Moment nicht im Kopf, wie das Wetter am nächsten Tag sein soll. Außerdem kommt der Dunst jetzt auch von Süden. Ich will einfach nur zurück nach Hudiksvall. Landstrom, Heizung und den Stresslevel herunterfahren. Der Wind hat wohl zwischenzeitlich etwas gedreht denn jetzt fahre ich einen Am-Wind-Kurs. Aber noch einmal umdrehen und es darauf ankommen lassen möchte ich nicht. Wenn es so weiter läuft bin ich um 21 Uhr am Gästesteg. 27 Seemeilen für nichts… Aber besser im sicheren Hafen als ganz großes Drama. Für morgen sieht es besser aus – der Wind soll auf Ost drehen.


Mit achterlichem Wind durch den Nebel
Montag, 1. Juni 2026
Der Wind und Wetterbericht für heute ist gut – weitgehend gut. SMHI (Das Schwedische Meteorologische und Hydrologische Institut) kündigt etwas Nebel an. In Hudiksvall ist am morgen strahlend blauer Himmel. Der Wind soll auf Südost drehen – also ideal um Richtung Norden zu kommen. Doch zuerst kommt er aus Ost. D.h. unter Motor raus aus dem Sund. Das ist immer wieder der Nachteil: Die Städte liegen meistens tief in einem Sund. D.h. Sund rein, Sund raus. Das kostet jedes Mal viel Zeit. Im Fall heute bedeutet es 3 Stunden unter Motor bis ich endlich draußen auf der Ostsee bin und einen neuen Kurs habe.

Und sogleich läuft es auch – mit schönem, raumen Wind mache ich 5 Knoten Fahrt. Und ja, es hat Nebel. Die Sichtweite beträgt etwa 500 Meter, also kein ganz dichter Nebel. An der Reling bilden sich Nebeltropfen. Ich stelle den Pinnenpiloten ein und versuche es mir gemütlich zu machen, soweit das bei der Kälte geht. Ich möchte den idealen Wind ausnützen und Kuggören diesmal links liegen lassen. Doch nach Kuggören kämpfe ich etwas mit Wind und Kurs. Der Wind dreht zunehmend auf Südsüdost und ich bekomme ihn damit zunehmend mehr direkt von hinten was nicht so ideal ist. Zum einen flattert dann die Fock lustlos in der Abdeckung des Großsegels und zum anderen muss ich immer wieder aufpassen keine Patenthalse zu riskieren. Dazu muss ich noch zwischen zwei Untiefen hindurch. Zuletzt, eine Stunde vor Stocka, schmeiße ich den Motor an. Bei abnehmendem Wind (unter 10 Knoten) und Welle von hinten macht das keinen Spaß. Und außerdem ist es kalt.



Wie erwartet bin ich in Stocka vollkommen alleine. Überhaupt ist das eine Anlegestelle, die wohl nicht so stark frequentiert ist. Stocka kenne ich vom letzten Jahr. Kombiniert mit einem Wohnmobil-Stellplatz, kleine aber feine Sanitäranlagen und dazu günstig. In diesem Jahr 150 SEK mit Strom (letztes Jahr noch 120 SEK).

Ein Tag Pause in Stocka
Dienstag, 2. Juni 2026
Ich mache einen Tag Pause in Stocka. Das hat mehrere Gründe… Die Hafengebühr ist hier sehr günstig – 150 SEK mit Strom und die Sanitäranlagen sind ziemlich o.k. Also wird es mal wieder Zeit zu duschen und sich zu rasieren. Ich sehe schon fast aus wie ein Seeräuber. Und in Hudiksvall hatte ich ja keinen Schlüssel für die Sanitäranlagen. Dafür hatte ich keine Hafengebühren bezahlt – die hätte ich ja beim Hafenmeister entrichten müssen.

Der Hauptgrund für die Pause: Ich hatte schon im letzten Jahr Probleme mit meinem B&G Triton2 Display. Nach mehrfachem Ein- und Ausschalten brachte ich es im letzten Jahr zum laufen und schaltete es dann nicht mehr aus. Doch in diesem Jahr lässt es sich nicht mehr starten. Es flackert hell/dunkel – mehr nicht. Ich hatte schon die Tage noch einmal nach den Kabeln geschaut. Doch da lässt sich kein Fehler feststellen. Ich war im letzten Jahr schon mehrfach im Austausch mit dem Support von B&G, der mir nicht weiterhelfen konnte.
Jetzt habe ich ein neues Display bestellt, in Schweden. Ich hatte ja im letzten Jahr Bekanntschaft mit einer Gruppe der Swedish Cruising Association gemacht und war mit einem Mitglied in Kontakt geblieben. Er wohnt bei Sundsvall und wird das Paket annehmen. Nach Sundsvall sind es noch etwa 35 sm. Das kann ich morgen machen. Das Paket sollte am Donnerstag bei ihm ankommen (laut NordPost). So bin ich dann in der Nähe von seinem Wohnort und er wird dann mit dem Motorrad zu mir fahren, um mir das Paket zu bringen.
Das ist jetzt meine letzte Hoffnung. Wenn es dann nicht funktioniert habe ich keine Idee mehr. Und ja, zusätzliche Stromversorgung an das NMEA Netzwerk hatte ich schon im letzten Jahr nahe dem Display gelegt.
Dann schaute ich heute noch einmal nach der Tankanzeige. Also Strom liegt an – daran liegt es wohl nicht. Jetzt bin ich echt etwas ratlos.

Am späten Nachmittag kommt ein weiterer deutscher Segler an und ich bin echt überrascht. Ich dachte der einzige Verrückte zu sein. Er kommt aus Braunschweig und ist vor 10 Tagen in Stockholm gestartet. Er hat ein kleineres und wesentlich älteres Boot als ich, mit Außenborder und möchte die große Ostseerunde machen. Mitte Juli muss er in zurück in Stockholm sein. Respekt – sehr sportlich mit so einem Boot. Aber andererseits gibt es mir Mut, mein Ziel zu erreichen.
Und noch eine erwähnenswerte Überraschung: Es hat Schnacken (Stechmücken). Das überrascht mich insofern als das ich hier ja ziemlich im Norden bin, es noch relativ kalt ist und auch die Winter kalt und lang sind. Aber die Viecher scheinen alles zu überleben. Und in der Anzahl habe ich sie aus dem letzten Jahr nicht in Erinnerung.
Alle Vorhersagen liegen daneben
Mittwoch, 3. Juni 2026
Für heute war wieder Wind aus Südost vorhergesagt. Also ideal für mein Vorhaben Richtung Norden zu kommen. Also vertrödele ich nicht zu viel Zeit und schaue das ich weg komme. Draußen ist der Wind sehr schwach. O.k. es war vorhergesagt, dass der Wind zunächst schwächer ist und im laufe des Tages zunimmt. Doch die Richtung stimmt nicht. Der Wind kommt aus Nordost, eher sogar aus Nord. Also ist auch kein Am-Wind-Kurs möglich. Ich lasse den Motor erst einmal weiter laufen und erwarte das der Wind zumindest bald dreht. Die Welle ist nicht hoch, aber doof. Nach 2 1/2 Stunden prüfe ich noch einmal Windy. Wind soll aus Südost kommen. Ich prüfe den lokalen Wetterbericht und auch den Seewetterbericht des SMHI – Wind soll aus Südost kommen. Nur der Wind hält sich nicht daran. Jetzt bin ich schon drei Stunden mit Motor unterwegs. Querab liegt auch kein Hafen. Und es hat Nebel.
Also weiter unter Motor. Nach fünf Stunden dreht der Wind endlich und frischt auf. Ich setze die Segel und kann auf schönem Raumwindkurs segeln. Zwischen dem Festland und einer vorgelagerten Insel bildet sich ein Düseneffekt und der Wind frischt so auf, dass ich die Fock weg nehme. Ich muss gleich danach auch eine Halse machen und ein Frachter kommt gerade aus dem Sund heraus. Ich habe kein Reff im Großsegel und das wird mir sonst zu viel. Auch ohne Fock mache ich noch gut 5 Knoten – das reicht mir.
Ich mache die Halse und der Wind lässt langsam wieder nach so dass ich die Fock wieder ausrollen kann. Im Moment läuft es noch ganz gut – erwartete Ankunftszeit 20:15 Uhr. Doch der Wind dreht zunehmend weiter nach Süd so das ich den Wind mehr und mehr von hinten habe. Ich muss wieder aufpassen keine Patenthalse zu machen. Das Risiko wird noch erhöht durch eine unangenehme Kabbelwelle. Dann lässt der Wind auch noch nach. Die berechnete Ankunftszeit verschiebt sich zunehmend nach hinten. Ich berge wieder das Focksegel das nur noch lustlos im Wind schlägt. Geschwindigkeit nur noch 2 Knoten. Mit der Welle macht das keinen Spaß. Also wird wieder der Motor angeworfen. Noch 1 1/2 Stunden bis zum Hafen.
Sundsvall präsentiert sich schon von weitem als weniger schöne Industriestadt. Aber der Hafen macht einen guten Eindruck und – ein ganz wichtiger Punkt der für Sundsvall spricht: Es gibt einen Lidl nur 300 Meter vom Hafen entfernt. D.h. endlich H-Milch. Ich hatte schon im letzten Jahr berichtet, dass man in Schweden nur schwer H-Milch findet. Ich hatte in den letzten Tagen in den verschiedenen Coop und ICA geschaut – keine H-Milch. Kaffee ohne Milch ist für mich nur schwer zu ertragen. Deshalb überbrückte ich mit diesen Soja-Lösungen die sich auch noch Barista nennen. Außerdem brauche ich Kaffee-Nachschub.
Break in Sundsvall
Donnerstag, 4. Juni 2026
Ich unterbreche in Sundsvall. Ich hatte oben erzählt, dass ich jetzt ein neues Triton2 Display in Schweden bestellt hatte. Ich treffe mich mit meinem Freund aus Schweden und er bringt mir das Display an den Hafen. Davor fragt er mich noch, ob ich Diesel brauche. Ja, ich wollte eigentlich hier tanken. Nach 15 Minuten kommt er mit drei 25 Liter Kanistern Diesel, einer Pumpe und dem Display. Hammer…
In den Tank passen aber nur 23 Liter. Ich bin überrascht. Ich bin jetzt etwa 30 Stunden unter Motor gefahren und hätte damit gerechnet das ich etwa 40 Liter benötige. Einen Kanister behalte ich. Jetzt habe ich 35 Liter Reserve in der Backskiste. Das Triton2 Display wird getauscht und funktioniert. Da bin ich jetzt beruhigt. Das ständige Umschalten auf dem Vulcan 7 zum Wechseln zwischen Anzeige der elektronischen Karte und der verschiedenen Daten hat genervt. Ich möchte gerne Wind und Geschwindigkeit ständig im Blick haben.

Am Abend waren wir dann noch zusammen essen und es kam noch ein weiterer Bekannter dazu der im letzten Jahr bei diesem Treffen dabei war. Dabei bekam ich eine Kappe des SXK geschenkt – danke dafür 🙂
Abwettern in Sundsvall
Freitag/Samstag, 5./6. Juni 2026
Regen und teilweise Starkwind lassen mich hier in Sundsvall gerade festhängen. Für morgen, Samstag, gibt es eine Warnung vor Gewitter vom SMHI. Ich muss noch mal nach meinem Funkgerät schauen bzw. nach der NMEA-Verbindung denn nachdem ich das Instrumentenpult abgeschraubt hatte, um nach der Tankanzeige zu schauen, wurden mir auf dem Plotter die AIS-sendenden Schiffe nicht mehr angezeigt. Der Wackelkontakt ist schnell gefunden – ein NMEA-Kabel war nicht richtig fest verschraubt. Ich hoffe jetzt dann endlich einmal Ruhe mit dem ganzen Elektronikzeug zu haben.
Ich gehe noch einmal einkaufen denn am 6. Juni ist schwedischer Nationalfeiertag und da werden die Geschäfte wohl geschlossen sein.
Meinen Sprit-Verbrauch kann ich jetzt abschätzen nachdem ich den Tank voll gemacht habe. Etwa 0,9 Liter pro Stunde. Mit diesem Schätzeisen kann ich leben.
Kaum zu glauben…
Letztes Jahr war ich Anfang Juni in Kalmar (also weit, weit südlicher als jetzt – Luftlinie ca. 630 km). Und in den folgenden zwei bis vier Wochen war ich eigentlich weitgehend alleine unterwegs. In den Häfen traf ich nur einzelne andere Segler. Jetzt, in Sundsvall, liegen 5(!) deutsche und ein finnisches Segelboot. Irgendwie verkehrte Welt. Aber es ist lustig. Man trifft immer wieder Segler, die man schon zuvor getroffen hat.
Am Montag sieht es wieder gut aus – dann kann es weitergehen Richtung Norden.
