Was ein scheixx Tag…

Donnerstag, 19. Juni 2025

Gestern dachte ich noch – 25 sm bis Gräddö, locker zu schaffen. Pustekuchen. Der Morgen begann noch sehr gut. Fast windstill in der Ankerbucht. Anker konnte gut gelöst werden. Kette recht sauber, der Anker voll Schlamm. Drei, vier Mal ins Wasser getaucht und er war sauber. Problemlos von der Ankerbucht abgelegt. Dann wieder raus. Richtung Gräddö war ich jetzt in den Außenschären. Wenig Schutz. Der Wind blies mir wieder einmal genau entgegen. Von wegen – was haben mir viele erzählt, dass man hier fast immer Südwest oder West hätte und das Problem das Zurückkommen wäre. Ich habe genug von diesem NNW und NNO.

Doch was hilft es. Mein Bekannter ist im Flugzeug bereits unterwegs nach Stockholm Arlanda. D.h. ich muss dort hin. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber an diesem Tag stirbt sie recht früh. Der Wind nimmt stetig zu. Höhe Blidö versuche ich einmal das Großsegel zu setzen. Doch gleich nimmt der Wind noch mehr zu und bläst mit 25 Knoten. Auf dem Bodensee würde ich das noch locker segeln. Aber hier fühlen sich 25 Knoten wie 7 Bft. auf dem Bodensee an. Hier kommt eben dann noch die Welle dazu, die immer wieder krachend über die Sprayhood schlägt. Schon nach kurzer Zeit hole ich mit größter Anstrengung das Großsegel wieder runter. Es macht keinen Sinn, da ich das Boot kaum kontrollieren kann. Hier fehlt mir jetzt das zweite Reff, das ich dringend instand setzen sollte. Die Reffleine ist so alt, dass sie nicht mehr zu gebrauchen ist.

Also wieder Motor an und gegen den Wind kämpfen. Es ist fast wie am ersten Tag vor Sassnitz. Die Welle ist nicht ganz so hoch. Dafür ist die Strecke länger. Währenddessen mache ich mir Gedanken zu Gräddö. Der Hafen ist nach Norden vollkommen offen. Es gibt zwei vorgelagerte Inseln. Aber ich merke hier draußen, dass auch die Inseln kaum Abdeckung bieten. Sie sind einfach zu niedrig oder der Wind einfach zu kräftig. Inzwischen bläst es mit 28 Knoten. Miss Sophie kämpft mühsam mit 2,5 Knoten gegen den Wind. Ich zähle jede zehntel Seemeile und hoffe bald zwischen Gräddö und den vorgelagerten Inseln zu kommen.

Im Fjord Richtung Nörrtalje – Endlich etwas Beruhigung

Ich lege einen neuen Plan fest. Auch wenn es lange 10 sm sind, entschließe ich meinen Bekannten in Norrtälje aufzunehmen. Hier sollte es geschützt durch die Bebauung besser sein. Schon im Fjord kommt die Erleichterung. Wenigstens die Welle ist weg auch wenn der Wind immer noch mit 15 bis 20 Knoten bläst. Aber jetzt von halb und nicht mehr von vorne. ETA 1830. Im Gästhamn liegen kaum Boote. Drei deutsche Segelyachten und ein paar Schweden. Der Steg, an dem ich mit Heckboje anlege, ist vollkommen leer. Wann ist in Schweden Segelsaison?

Ich bin von dem Tag vollkommen k.o. Weniger körperlich, mehr geistig. Ständig Sorge, ob der Sprit noch reicht. Mit so vielen Motorstunden hatte ich nicht gerechnet.

Mein Bekannter ist am Steg und hilft beim Anlegen. Dann gehen wir etwas Essen. Norrtälje ist eine kleine feine Stadt mit einigen älteren schön renovierten Häusern und einer sehr gepflegten Innenstadt. Die Sanitäranlagen sind o.k. Aber die Liegeplatzgebühren schon gehoben. Auch wieder fast 400 SEK.

Lessons learned….

Wenn du jemanden an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort abholen musst, dann plane einen Tag Reserve und rechne damit, dass es nicht läuft wie gewünscht.

Finnhamns > Norrtälje 33 sm

Was ein toller Tag…

Freitag, 20. Juni 2025

Noch am Abend werden Windfinder und Wetterbericht studiert. Mein Bekannter möchte gerne segeln. Ja, verstehe ich. Aber hier geht es um das Ankommen. Deshalb meine Entscheidung: Unter den Windbedingungen (sollten nicht anders als am Vortag sein) und der Tatsache, dass es draußen überhaupt keine vorgelagerten Inseln gibt, fällt meine Entscheidung Richtung Väddö Kanal. Aber zuerst wird einmal getankt – etwa 35 Liter für 600 SEK.

Im Fjord können wir noch segeln da wir Richtung Osten unterwegs sind. Der Wind kommt wieder aus NNO. Bei Storholmen biegen wir ab und haben den Wind gegenan. D.h. die Maschine muss uns voran bringen. Nach Björhövda Richtungswechsel – neuer Kurs NW und wir können wieder die Segel setzen. Keine einzige Welle. Hier, geschützt, haben wir zwischen 7 und 15 Knoten. Kurz vor dem Väddö Kanal bergen wir die Segel. Durch den engen Kanal (teilweise nur etwa sieben Meter breit) geht es mit Motorkraft. Zuerst geht es unter einer Brücke mit 18 Meter Durchfahrtshöhe. Auch wenn wir mit etwa 14 Meter noch 4 Meter Luft haben, erscheint es immer knapper je näher man kommt.

Erste Brücke mit 18 Meter Höhe

Dann bald die erste (südliche) Brücke auf deren Öffnung wir warten müssen. Sie öffnet jeweils zur halben Stunde. Die Landschaft ist einzigartig. Am Ufer sehen wir immer wieder Familien, die heute Mittsommer feiern. Der Mittsommertag wird offensichtlich vor allem mit der Familie gefeiert. Es sind große Gruppen mit 10 bis 20 Personen die auch immer wieder winken und rufen. Alle sind in ausgelassener Feierlaune.

Kurzer Schreckmoment

Wir genießen die Landschaft, schauen links und schauen rechts. Dort schöne Häuser, dort Rinder, die direkt am Ufer laufen. Auf einmal ein Geräusch, das nicht zum segeln gehört – „Ratsch“. Blätter und Astreste fallen auf das Deck. Ein geschockter Blick nach oben. Die Mastspitze der Miss Sophie fährt gerade durch einen Baum. Ich könnte über mich selbst fluchen. Wie oft habe ich die Videos der SY Müggele auf Youtube gesehen. Ich habe noch den Kommentar in Erinnerung: „…. nur auf die Bäume muss man achten da sie teilweise in den Kanal ragen…“. Bangender Blick nach oben und auf das Triton 2 Display. Wie steht es um die elektronische Windanzeige? Glück gehabt – kein Schaden genommen.

Bald erreichen wir die zweite (nördliche) Brücke, die jeweils zur vollen Stunde öffnet. Hält man sich an die vorgegebenen 5 Knoten Höchstgeschwindigkeit, passt das ziemlich genau. Nach der zweiten Brücke geht es nur noch wenige Kilometer bis wir den Gästehafen Älmsta erreichen. Auch hier wieder: viele leere Liegeplätze. Eine deutsche, eine finnische Segelyacht und ein schwedisches Motorboot. Später kommt noch eine deutsche Segelyacht dazu. Hafengebühr wieder knapp 400 SEK. Das geht ins Geld.

Aber dieser Tag macht den vorherigen vergessen. Ein Traumtag.

Wir besprechen noch den Weiterweg bevor wir uns im Rahmen der Möglichkeiten kulinarisch verwöhnen. Morgen Nachmittag soll es draußen dann wohl bis zu 30 Knoten haben – aus Nord. Das Ziel ist also einen Hafen zu finden, der nicht allzu weit entfernt ist und der gut gegen Nord geschützt ist. Die Wahl fällt auf Grisslehamn. Das sind knapp 10 sm.

Bei der ersten Brücke mussten wir kurz auf die Öffnung warten
Norrtälje > Väddö (Älmsta) 19 sm

Nächster Tag, neuer Plan – Hafentag

Samstag, 21. Juni 2025

Die einzige Option, die ggf. für heute in Frage gekommen wäre, wäre Grisslehamn gewesen. Vom Hafenmeister erfahre ich, dass heute dort ein Event mit zwei DJs ist. Der deutsche Nachbar am Steg meint, dass es dort keine freien Liegeplätze geben würde. Außerdem gibt mir der Hafenmeister die Info, dass 500 SEK für den Gastplatz verlangt werden (das sind etwa 45 Euro). Bereits am Morgen hat der Wind kräftig zugenommen und kommt aus Nord. Wir müssten alles gegenan unter Motor fahren da der Väddö Kanal ja noch ein Stück geht. Bringen würde es nur etwa 10 sm. Also neuer Plan: Wir bleiben hier. Hier sind wir einigermaßen geschützt vor dem Sturm, der für heute Nachmittag draußen angesagt ist. Deutscher Wetterdienst sagt für die nördliche Ostsee 6 Bft. und Welle bis 2 Meter. Das brauche ich nicht. Morgen soll es sich beruhigen.

Selbst hier bläst es teilweise mit über 20 Knoten – das macht draußen keinen Spaß

So kümmere ich mich etwas um meine Elektrik. Mein Elektriker vom Segelclub gab mir die Aufgabe, ein paar Messungen zu machen. Es gibt den Verdacht, dass die Lichtmaschine die Starterbatterie nicht lädt. Im Hafen mit hoher Drehzahl getestet. 12,5 Volt. Das ist zu wenig. Sicherung nach der Lichtmaschine geprüft – ist i.O. Rätselraten. Im Moment fällt mir und ihm nichts ein. Ich prüfe morgen noch einmal unter Fahrt.

Dann NMEA-Kabel am Triton 2 getauscht. Das Display nervt langsam. True Wind Speed und True Wind Direction funktionieren jetzt. Ursache war der Pinnenpilot. Der brauchte ein Update. Aber der Kabeltausch hat nicht das Problem „Geht, geht nicht“ gelöst. Ich bin langsam echt genervt von dem B&G Kram. die App auf dem iPad funktioniert auch nicht richtig. Synchronisation mit dem Vulcan 7 geht nicht. Meldung an den Support aus dem Vulcan 7 geht auch nicht, obwohl der Plotter über Starlink mit dem Internet verbunden ist.

Derweil führe ich in GPX-Studio einmal meine bisherigen Tracks zusammen während in der Laundry meine Wäsche wäscht. Bisher habe ich etwas mehr als 500 sm hinter mir. Das in 12 Segeltagen ergibt bisher einen Schnitt von etwa 35 sm täglich.

Meine bisherige Route

Wo ist denn der vielbesagte Südwest-Wind?

Wie viel hatte ich darüber gelesen und gehört, dass es hier immer Südwest, Süd oder Südostwind hätte. Das Problem wäre nicht, in den Norden zu kommen. Das Problem wäre das zurück kommen.

Ich hatte bisher fast nur nördliche Winde. Immer wieder gegenan. Die Planung für die nächsten Tage ist schwierig. Ein Tiefdruckgebiet jagt das nächste. Dienstag und Mittwoch ziehen sie genau dort durch, wo wir unterwegs sein werden. Deshalb entsteht der Plan, als nächstes Öregrund anzusteuern. Gerne hätte ich an einer Schäre oder einer blauen Boje des SXK angelegt. Doch sollte sich das Wetter so bestätigen, würden wir zwei Tage ohne Hafen und ohne Versorgung festhängen. Wäre grundsätzlich kein Problem. Alle Batterien sind voll und in den Backskisten gibt es genügend Proviant und Wasser. Aber Spaß macht das nicht.

Nächstes Problem….

In Oskarshamn hatte ich das erste Mal Probleme mit der Starterbatterie. Ich schob das darauf, dass ich am Abend zuvor vergessen hatte, den Hauptschalter der Starterbatterie nicht ausgeschaltet zu haben. Mein Elektriker vom Segelclub hatte mir noch die Aufgabe gegeben, einige Messungen durchzuführen um zu prüfen, ob alle Batterien von den jeweiligen Stromquellen richtig geladen werden. Solar ist gut. Landstrom ist gut. Starterbatterie ist schlecht. Es kommt kein Strom von der Lichtmaschine. Sicherungen geprüft – alle o.k. Direkt an der Lichtmaschine gemessen – kein Strom. 9,5 Volt bei guter Motorfahrt mit 5 Knoten. Fazit: Die Lichtmaschine ist offensichtlich hinüber. D.h. überlegen – wo in Schweden eine Lichtmaschine bestellen. Wohin bestellen. Den Austausch der Lichtmaschine traue ich mir zu. Wird zwar (für mich) ein Tag Arbeit sein. Aber zu bewältigen. So lange die Nacht im Hafen verbracht wird, kann ich mit Hilfe von Landstrom und Batterieladegerät die Starterbatterie jeweils wieder aufladen. Aber das ist nicht das Ziel.

Nächstes Ziel – Öregrund

Sonntag, 22. Juni 2025

Das Wetter passt am Morgen. Der Starkwind ist durch. Es bläst hier in Älmsta zwar immer noch etwas aber kein Problem. Die nächsten Seemeilen geht es noch etwas im Väddö Kanal, dann können wir abbiegen Richtung NW und die Segel gesetzt werden. Der Wind kam zuerst aus NNO. Segelbar. Im Laufe des Tages dreht der Wind auf O und am Ende auf SO. Ideal für unser Ziel Öregrund. 27 sm in 6h 45 min. Schnitt 4 Knoten. Das ist gut. Den ganzen Tag Sonnenschein. Aber die Luft ist noch kühl. Achja, und mittlerweile habe ich den 60. Breitengrad passiert.

Beim Anlegen in Öregrund dirigiert uns die Hafenmeisterin an den Platz. Wieder einmal Mooringleine. Passt mir inzwischen ganz gut. Wir werden zwischen zwei schwedischen Yachten gequetscht. Miss Sophie macht sich dünn und passt gerade so hinein.

Segeln zwischen den Schären
Angekommen in Öregrund
Väddö (Älmsta) > Öregrund 27 sm

Wieder abwettern…

Das nächste Tiefdruckgebiet kündigt sich an. Und es zieht genau über uns hinweg. Ich studiere Windfinder, Windy, Deutscher Wetterdienst und andere Wetterdienste. Man kann es drehen und wenden wie man will – wir werden hier wohl zwei Tage festsitzen. Nicht der schlechteste Ort. Es hat hier in Öregrund zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten. Die „Altstadt“ soll sehenswert sein. Aber es sind für mich zwei Tage, die ich nicht nach Norden komme. Dann wird das Thema Lichtmaschine noch einen oder auch mehrere Tag kosten. Ende nächste Woche werde ich wohl eine Entscheidung treffen müssen – noch weiter Richtung Norden oder wieder zurück Richtung Süden.

Das nächste Tiefdruckgebiet wird genau über uns hinweg ziehen

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