Abwettern in Sikeå

Sonntag, 14. Juni 2026

Am frühen Morgen kam das angekündigte Sturmtief. Im Hafen kachelt es mit Böen über 30 Knoten. Dann setzt auch der angekündigte Regen ein. Miss Sophie zerrt an der Ankerboje und den vorderen Festmachern wie ein wildgewordenes Pferd das sich losreißen möchte. Ich drehe mich mehrfach um, eingekuschelt in meinem Daunenschlafsack. Schlafen, das ist das einzige was man jetzt machen kann. Später merke ich, dass es kalt geworden ist im Boot. Der Heizlüfter macht nichts mehr. Es ist eine Regenpause und ich gehe hinaus um nach der Sicherung zu schauen. Die Sicherung am Landstromanschluss ist noch drin. Offensichtlich geht der Strom allgemein nicht mehr – wegen des Sturms?

Ich habe ein neues Problem…

In der Nacht wachte ich mehrfach auf wegen starker Schmerzen im linken Handgelenk. Ich überlege – ich erinnere mich nicht am Vortag irgendein Ereignis mit dem Handgelenk gehabt zu haben. Mehrfach schmiere ich Voltaren drauf. Geschwollen ist es nicht aber es fühlt sich ähnlich an, als ob ich es verstaucht hätte. Am Vormittag versuche ich den Schmerzpunkt zu finden. Er scheint an der Sehnenscheide zu liegen. Ich konsultiere meine Frau, die Arzthelferin ist. Anhand der Beschreibung vermutet sie etwas ähnliches. Ich habe zwar einige zusätzliche Medikamente von meinem Hausarzt für den Notfall bekommen, aber wenig was jetzt hier helfen könnte. Schmerzmittel ist das einzige was ich habe. Ich hoffe, dass das morgen besser ist denn das würde mich sehr einschränken.

Am Nachmittag geht dann der Strom plötzlich wieder. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Denn es hat gerade einmal 11 Grad – laut Wetterbericht. Die Messbojen auf der Seite von SMHI melden Welle bis 2,4 Meter. Gegen Abend soll der Wind nachlassen, der Regen hat inzwischen aufgehört. Aber der Wind hat jetzt auf Nord gedreht. Das bedeutet morgen gegenan segeln. Mal sehen ob und wie das geht. Ich werde auf jeden Fall das erste Reff rein machen. 10 bis 20 Knoten Wind soll es morgen geben.

Der Wind hat auf Nord gedreht d.h. gegenan segeln

Am kommenden Sonntag beginnt die Midsummer Sail – das ist die längste Regatta auf der Ostsee. Von Wismar, dem südlichsten Punkt, bis nach Töre zur gelben Tonne. Ich möchte auf jeden Fall vor dem Pulk dort sein (um es eher alleine zu erleben). Die schnellsten Segler benötigen 4 bis 5 Tage…

Ein Kampftag…

Montag, 15. Juni 2026

Es war klar, dass der Wind heute aus Nord kommen wird. Was unklar war: Wie sieht es mit dem Schwell aus? Am Vortag hatte es ja im Hafen bis zu 30 Knoten Wind. Draußen auf der Ostsee sicher Sturmstärke. Da der Starkwind bereits am frühen Abend kräftig nachgelassen hatte, war meine Hoffnung, dass es sich mit dem Schwell in Grenzen hält.

Das erste Stück raus aus Sikeå geht es noch mit Wind und Welle

Aus dem Hafen raus ist man gleich auf der Ostsee. Es gibt hier, auf dem nächsten Stück, keine vorgelagerten Inseln hinter denen man sich verstecken könnte. Und ich muss gegen den Nordwind segeln, d.h. kreuzen. Also raus auf die See, Wende und wieder Richtung Festland. Und das sollte einige Male den Tag so gehen.

Die Welle nimmt schnell an Höhe und Wucht zu. Bis zu 1,5 Meter. Miss Sophie springt wie ein Springpferd um dann krachend und ernüchtert ins nächste Wellental zu fallen. Sie kann eben doch nicht fliegen. Die eine oder andere Welle kommt über die Sprayhood und ich muss meinen Kopf schnell darunter ziehen, um nicht eine Ostseedusche zu bekommen. Es ist mühsam. Ich hatte eigentlich gehofft, den Hafen Bureå Båtsällskap zu erreichen. Dort hätte ich wieder Landstrom. Doch ich muss wieder einmal realisieren, dass das bei diesen Bedingungen nichts wird. Die 15 bis 20 Knoten Wind verlieren ihre Wirkung durch die Welle, die mich immer wieder ausbremst. Ein gutes kann ich der Situation abgewinnen: Der Wind kommt ziemlich direkt aus Nord und der Küstenverlauf ist hier nach Nordost. Dadurch kann ich lange auf dem Streckbug segeln und muss nur kurz auf den Holebug Richtung Festland. Wesentlich schlechter wäre jetzt Nordost.

Nasses Segeln…

Ich suche das nächstmögliche Ziel – Bjüroklubben wäre das. Ich ändere das Ziel in Orca und die neu berechnete Ankunftszeit ist 18.30 Uhr. So kämpfe ich mich Raupe Stück für Stück voran. Ganz zum Schluss, die letzten 2 sm vor dem Hafen schaffe ich es nicht die notwendige Höhe zu laufen um zwischen dem Festland und einer vorgelagerten Untiefe hindurch zu kommen. Früher oder später muss ich sowieso den Motor dazunehmen. Also falle ich ab, um die Fock zu bergen, werfe den Motor an und kämpfe jetzt fast direkt gegen den Wind mit meinen 9 PS.

Meine große Sorge: Wie wird das mit dem Schwell sein in der Bucht? Die Bucht ist recht groß und nach Nordosten offen. Wie erwartet oder befürchtet reicht der Schwell in die Bucht hinein und baut hier eine schöne Welle auf. Meine Hoffnung: Der superkleine Hafen liegt im Windschatten und ich hoffe, dass er deshalb vor dem Schwell geschützt ist. Die Hoffnung erfüllt sich und ich fahre langsam hinein. Außer einer Beschreibung eines anderen Seglers habe ich keine Informationen. Es soll flach sein und man muss auf einige Steine achten. Wie erwartet bin ich hier vollkommen alleine. In einiger Entfernung steht an Land ein Wohnmobil – Wildcamper vermutlich. Das Anlegen geht problemlos denn der Hafen ist durch eine hohe Brüstung gut geschützt so das es im Hafenbecken selbst windstill ist. Da ich alleine bin, erlaube ich es mir längsseits festzumachen. Normal sollte man hier mit Heckanker und dem Bug zum Steg festmachen. So sollen dann in dem kleinen Hafen etwa 10 bis 20 Boote Platz haben.

Festgemacht in Bjüroklubb

Ein sehr schöner Platz den ich gleich erkunde. Es hat eine schöne Sauna mit fließendem Wasser. Die Sauna ist noch warm aber das Feuer ist aus. Vermutlich haben die Camper diese benützt, denn sonst ist weit und breit niemand zu sehen.

Das einzige Manko: Kein Landstrom – es wird wohl eine kalte Nacht geben. Im Notfall heize ich die Sauna ein und lege mich mit meinem Schlafsack in den Vorraum der Sauna. Zwei Isomatten hätte ich noch in der Achterkajüte…

Die letzten Maiglöckchen (Mitte Juni)

Achja, fast vergessen – das Problem im linken Handgelenk war wie weggeblasen. Ganz leicht spüre ich noch den Schmerzpunkt wenn ich darauf drücke. Hoffen wir das es so bleibt. Aber wie sagt meine Frau so schön: „…dann drücken Sie doch nicht darauf…“.

Töre rückt in greifbare Nähe…

Dienstag, 16. Juli 2026

Gestern, spät am Abend, kommt noch ein weiteres Segelboot mit schwedischer Nationale in den kleinen Hafen. Sie quatschen noch etwas miteinander gehen dann aber bald schlafen. Am Morgen kommt ein Mitglied der Crew zu mir herüber und stellt sich vor. Sie kommen aus Litauen und haben das Segelboot hier oben gekauft und überführen es jetzt nach Litauen. Er fragt mich noch nach Tipps zu Häfen Richtung Süden und ich zeige ihm, wo er Informationen finden kann. Dann sehen wir noch einen Seehund vor dem Hafen – also zumindest den Kopf.

Ich trinke noch zwei Kaffee schaue aber, dass ich zügig weg komme. Denn Windy hatte angekündigt das der Wind gegen Mittag einschläft und nur am Vormittag noch gut sein soll. Orca zeigt bei der Berechnung der Route ähnliches. Aber ich belasse es erst einmal beim ersten Reff, das ich gestern gesetzt hatte.

Ich verlasse diesen netten Ort auch wenn ich vielleicht gerne ihn etwas erkundet hätte

Trotzdem habe ich das ambitionierte Ziel heute den Piteå Segelsellskapp (Segelverein) zu erreichen – etwa 46 sm. Ich segle zuerst auf dem Streckbug weit auf die Ostsee hinaus, etwa 20 – 25 sm vom Festland entfernt. Der Wind hält noch erstaunlich lange. Als er etwas nachlässt, unter 10 Knoten geht, reffe ich wieder aus. Im gleichen Moment zieht der Wind wieder etwas an und es läuft sogar mit 5 Knoten am Wind. Doch gegen 13.30 Uhr ist der Spaß zu Ende. Der Wind ist schließlich weg. Nun habe ich zwei Möglichkeiten: etwa 20 sm querab Richtung Westen zum nächsten möglichen Hafen oder weiter Richtung Nordost zu meinem ursprünglichen Ziel, etwas mehr als 25 sm. Ich entscheide mich für das zweite d.h. jetzt 6 Stunden Motor. Der Schwell vom Vortag ist jetzt fast komplett weg so dass es eine ruhige Fahrt wird. Kein Frachter, kein anderes Segel- oder Motorboot, einfach nichts. Nur leichter Nieselregen setzt ein und verschlechtert die Sicht weshalb ich jetzt permanent Ausguck halte. Es gibt noch andere wie ich, die ohne AIS unterwegs sind und deshalb nicht auf meinem Plotter erscheinen. Nach einer Zeit ist es wieder trocken und ich erreiche den Piteå Segelsellskapp schließlich vor der nächsten Regenfront.

Der Wind ist weg und der Motor muss mich voran bringen
Hinter mir lauert die nächste Regenfront

Ein sehr kleiner Hafen. Ein Vereinsmitglied reinigt gerade seine Segelyacht und hilft beim Anlegen. Ein kurzer Smalltalk woher ich komme, wohin ich gehe und das er auch schon einmal in Deutschland war, ohne Boot. Ich mache das Boot soweit klar, schließe den Landstrom an und werfe den Heizlüfter an – darauf habe ich mich am meisten gefreut. Denn es hat tagsüber gerade einmal 16 Grad und mit Wind und Nässe sind das (für mich) keine Wohlfühltemperaturen. Und nasse Kleidungsstücke (wie meine Handschuhe) trocknen bei diesen Temperaturen auch nicht ohne Heizung im Boot.

Festgemacht – Piteå Segelsellskapp
65. Breitengrad passiert – es fehlen noch einige Minuten und Sekunden zum nördlichen Ende der Ostsee

Töre ist damit in greifbarer Nähe. Morgen soll es nach Luleå gehen. Dort werde ich noch einmal Proviant bunkern und einen Tag Pause machen. Und tanken möchte ich in Luleå denn ich habe die letzten Tage einige Motorstunden gemacht. Sollte es nach Plan laufen, erreiche ich noch diese Woche die gelbe Tonne. Aber das Wetter ist gerade unsicher und ich möchte nicht im Regen mein Ziel erreichen, ich möchte den Moment schon etwas auskosten.

16. Juni, 23.40 Uhr in Piteå

Nord – Kurs Nord

Mittwoch, 17. Juni 2026

Am Vormittag habe ich noch ein Teams-Meeting mit einer Arbeitskollegin. Ich habe zwar eigentlich Urlaub aber wir haben gerade ein besonderes Projekt weshalb ich angeboten hatte, einmal wöchentlich mit der Kollegin ein einstündiges Online-Meeting zu machen. Das war jetzt kein Problem. Ich hatte am Abend zuvor schon den Routenvorschlag von Orca berechnen lassen und das sollte gut reichen, wenn ich um 11 Uhr losgehe. Am Ende sollten es etwa 45 sm sein. Orca und auch SMHI meinen, dass der Wind aus Nordost kommen sollte.

Nachdem ich noch einmal meine Reffleinen ummontiert hatte (ich hatte einen Fehler beim Anschlagen des Segels gemacht) konnte es losgehen.

Abgelegt – Piteå Segelsellskap im Rückspiegel

Zuerst raus unter Motor doch sobald als möglich Boot in den Wind und Großsegel hoch. Und wieder einmal gleich die Ernüchterung – der Wind kommt nicht aus der erwarteten Richtung, er kommt aus Nordnordost ja sogar fast Nord. Und wie immer: Ich muss nach Norden. Heute sogar noch mehr als gestern als der Küstenverlauf meinen Weg begünstigte. Das von Orca angedachte Zick-Zack recht direkt durch die Insel geht nicht. Also gehe ich erst einmal raus Richtung Osten um etwas aus den Inseln raus zu kommen. Immer wieder versuche ich etwas Höhe zu machen, stehe dann vor einer Untiefe und muss die Wende machen. Dabei hoffe ich nicht zu viel von den erkämpften Seemeilen zu verlieren. Zumindest Ost möchte ich halten was aber nicht immer gelingt.

Mühsames Gegenan Segeln. Rot markiert die Stellen wo ich den Motor angeworfen habe

Auf einem erneuten Streckbug dreht dann der Wind zumindest so weit Richtung Nordost, dass ich einige Seemeilen fast direkt Richtung Nord segeln kann. Doch dann dreht der Wind wieder Richtung Nord und schwächt dermaßen ab, dass ich nur noch 2,5 Knoten Fahrt mache. Ich möchte keine Zeit verlieren und werfe den Motor an, nehme den direkt Kurs auf die Lücke zwischen den Inseln, die ich mir ausgesucht hatte. Nach 1/2 Stunde zieht der Wind wieder auf 10 bis 12 Knoten an. Das Großsegel hatte ich stehen gelassen. Also abfallen und Motor aus. Der vom Wind erzwungene Kurs ist wieder Ost, sogar etwas Richtung Süd. Egal, ich gehe jetzt auf den langen Holebug und hoffe das es so bleibt um mit der nächsten Wende einen langen Streckbug möglichst weit Richtung Nord zu schaffen. Mehr als zwei Stunden segle ich so, um dann endlich die Wende machen zu können. Es scheint aufzugehen, sogar so gut, dass ich ohne weitere Wende zwischen den Inseln hindurch kommen sollte. Zwischendurch frischt der Wind sogar auf 15 Knoten auf, Miss Sophie schiebt Lage (steht schräg) und Wellen klatschen über das Vordeck. Wie so oft bin ich vollkommen alleine – kein anderer Segler, kein anderes Schiff weit und breit. Unter Deck hat sich inzwischen alles auf dem Boden verteilt was nicht gut genug verstaut war. Eine angebrochene Packung Kekse, leere PET Flaschen, eine Karte meiner Tochter, meine Straßenschuhe und einiges mehr.

Beginn des Fahrwasser von Luleå

Inzwischen drückt der Darm. Ich vermeide es nach Möglichkeit ein „großes Geschäft“ unterwegs zu machen. Es ist anstrengend und zum anderen hängt es mit meinem Toilettensystem zusammen. Ich habe keinen Grauwassertank. Ich habe ein Porta Potti aber wer das kennt, weiß, weshalb man auf diesem kein großes Geschäft machen möchte. Vor Beginn meiner letztjährigen Reise hatte ich deshalb lange nach einer Lösung gesucht und habe mich, ich sage es einmal plump, für „Kackbeutel“ entschieden (findet man z.B. bei Amazon). Dazu noch ein Streu welches Flüssigkeit und Geruch bindet. Nach dem Geschäft wird der Beutel verknotet und wandert in die Backskiste und wird später über den Restmüll entsorgt.

Kurz vor der engen Durchfahrt zwischen den Inseln versagt Johann. Es ist auch besser, wenn ich das jetzt von Hand steure denn jetzt kommt es auf jeden Meter Höhe an damit ich hier gut durchkomme. Danach sollte ich in der Windabdeckung der Insel sein und mein Plan ist dann die Fock zu bergen. Der Plan geht dann soweit auch auf doch ein weitersegeln im engen Zick-Zack macht wenig Sinn weshalb ich wieder den Motor anwerfe. Noch 2 Stunden – dann bin ich in Lumeå. Ein anstrengender Segeltag, der sich aber gelohnt hat.

Luleå in Sicht – kurz davor geht es durch einen Kanal

Ich habe mein Ziel genau nach dem Plan erreicht, den ich vor einigen Tagen aufgestellt hatte. Jetzt möchte ich einen Tag Pause machen. Die Vorräte auffrischen, duschen und mich etwas erholen. Die gelbe Tonne sollte ich in einem Schlag (einem Segeltag) erreichen. Dann ist das erste von drei Zielen erreicht. Das zweite Ziel ist dann Haparanda, was aber nur ein kleiner Schlag nach der gelben Tonne ist, und dann das Boot rechtzeitig nach Kröslin zu bringen.

Festgemacht in Luleå

Und noch etwas erwähnenswertes: Sonnenuntergang Luleå 00:01 Uhr – Sonnneaufgang 01:02 Uhr. Richtung Töre (am Sonntag ist Sonnenwende) gibt es jetzt praktisch keinen Sonnenauf- und -untergang. Töre ist nur 100 km vom Polarkreis entfernt.

Ein Tag Pause – ich brauche etwas Erholung

Donnerstag, 18. Juni 2026

Ich brauche etwas Erholung – die letzten 3 Segeltage waren etwas anstrengend. Mein Körper ist von den Wenden, dem Ziehen an Schotten und Fallen am Vortag etwas ermüdet. Aber ich hatte Luleå auch angesteuert weil ich hier noch einmal meine Vorräte auffrischen möchte. In der Nähe soll ein Lidl sein. Doch auf dem Weg realisiere ich dass dieser zu Fuß nicht so kurz zu erreichen ist wie gehofft. Die Brücke, die über große Gleisanlagen führt und die Google Maps als Route zu Fuß vorschlägt, ist nur für Autos. Also zurück. Ganz in der Nähe vom Hafen soll es noch einen Lebensmittelmarkt geben – also geht es zu diesem. Dieser zeigt sich auch als großer Markt und hat fast alles was ich brauche (nur keine H-Milch).

Zuerst gibt es eine ausgiebige Dusche. In der Stadt besorge ich mir noch ein kleines Fläschlein Sekt , die Hopfenvorräte werden gefüllt – es könnte ja etwas zu feiern geben. Und auch Schnürsenkel und Klebstoff finde ich – ich muss auf dem Rückweg noch die deutsche Seekarte berichtigen. Die Berichtigungen hatte ich zu Hause ausgedruckt aber die Seekarte war ja auf dem Boot. Hier in Schweden interessiert es niemanden, ob du aktuelle Seekarten in Papierform dabei hast oder nicht. „Aktuell“ ist hier sowieso relativ. Durch die Landhebung (darüber schreibe ich dann im nächsten Blog-Beitrag) verändert sich die Landschaft sowieso ständig.

Am Nachmittag mache ich noch ein Nickerchen. Der Wind pfeift durch die Wanten und Stage und ein mythisches Summen erklingt – die Melodie des hohen Nordens.

Wind und Wetter sehen für den kommenden Tag ganz gut aus. Am Nachmittag könnte es kurz etwas regnen bzw. ein Gewitter durchziehen. Aber damit ist jetzt im Sommer zu rechnen.

Die Backskiste ist wieder gefüllt – Getränke liegen in der Bilge

Es ist vollbracht – nach 1990 Seemeilen auf der Ostsee

Freitag, 19. Juni 2026

Die Wind- und Wetterprognosen für heute sind gut weshalb ich sehr früh aufstehe. Gewitter am späten Nachmittag könnten das einzige Risiko sein. Nachdem ich ein kurzes Frühstück und 2 Kaffee hatte, sehe ich dunkle Wolken am Horizont. Ein Regenband zieht genau über mich durch. Gegen 10 Uhr sollte ich ablegen können – danach kommt nichts mehr. Da hätte ich etwas länger schlafen können…

Bereits kurz nach dem Hafen kann ich das Segel setzen – zuerst nur das Großsegel denn ich muss später noch mit einem sehr raumen Kurs durch zwei Inseln durch. Den Motor lasse ich im Leerlauf einmal noch mitlaufen – im Fahrwasser sind ein paar Schlepper unterwegs. Schließlich raus aus dem Fahrwasser kann ich abfallen und die Fock dazunehmen. Der Wind ist ideal, raumer Wind (also von schräg hinten) mit 10 bis 13 Knoten. Es läuft.

Herrliches Segeln durch die Schären
Miss Sophie rennt dem Ziel geradezu entgegen (SOG 6,3 Knoten)

Es geht durch zahlreiche Schären hindurch und ich kann es kaum glauben – ich bin vollkommen alleine an diesem herrlichen Segeltag. Die Sonne scheint und wärmt auch langsam. Nur bequem machen kann ich es mir nicht. Der Wind dreht langsam auf Südwest weshalb ich jetzt fast einen Vorwindkurs fahre (der Wind kommt von hinten). Hier muss ich parallel zu den Untiefen darauf achten dass das Großsegel nicht ungewollt auf die andere Seite knallt (Patenthalse). Zeitweise setze ich sicherheitshalber einen Bullenstander. Das ist eine Leine zur Sicherung des Großbaums. Aber einige geplante Halsen muss ich dann doch machen. Der Wind hat langsam wieder auf Südost gedreht und ich komme jetzt in den Sund Richtung Töre der in Richtung Nordwest verläuft. D.h. der Wind kommt genau hinein weshalb sich eine leichte Welle aufbaut. Es geht aber trotzdem alles gut zu segeln. Selbst eine Engstelle kurz vor Töre kann ich segelnd durchfahren. Etwa 1 sm vor Törehamn werfe ich den Motor an, um das Großsegel zu bergen.

Dann geht es die letzten 15 Minuten zur gelben Tonne. Ich kann sie schon früh sehen. Standesgemäß wird sie dann erst einige Male umrundet und dann überlege ich, wie ich bei 10 bis 13 Knoten Wind einhand an der Tonne festmachen könnte. Eine Art Aufschießer gegen den Wind – das sollte doch funktionieren. Ich bereite auf dem Vordeck Leine und Bojenhaken vor. Im zweiten Versuch passt es und ich erwische eine der drei Ösen. Festgemacht. Ich mache den Motor aus und ein paar Freudentränen kann ich nicht verdrücken. Nach fast genau 1990 sm auf der Ostsee ist das erste Ziel erreicht – die gelbe Tonne, der nördlichste Punkt der Ostsee oder auch der Sombero des Nordens. Früher der nördlichste Seebriefkasten, doch der Briefkasten wurde entfernt. 65 Grad, 54 Minuten, 07 Sekunden nördliche Breite. Das nördliche Ende der Ostsee, von hier sind es noch 100 km zum Polarkreis.

Das Ziel ist erreicht
Festgemacht
Und ich grinse über beide Backen…
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Ich habe in Luleå im Systembolaget mir ein kleines Fläschlein Prosecco gekauft das ich jetzt mitnehme auf die gelbe Tonne. Dort setze ich mich hin und genieße den Moment. Es ist herrliches Wetter, ich bin vollkommen alleine. Ich mache einige Fotos und Selfies rufe meine Frau per Whatsapp an. Dann bereite ich die Drohne vor und mache einige Videos und Fotos mit der Drohne. Nach etwa einer Stunde wird es Zeit den letzten Schlag für den heutigen Tag zu machen. Törehamn soll ein sehr unschöner Hafen sein und kaum jemand bleibt dort. Deshalb hatte ich mir im Vorfeld den Töre Båtklubb herausgesucht. Der liegt an einer Schäre die nur 9 sm südlich von Töre liegt. Das mache ich aber unter Motor denn der Wind kommt weiterhin aus Süd mit etwa 10 Knoten. Da habe ich jetzt keine Lust gegenan zu kreuzen.

Ich sehe dort einige Boote liegen und beim Anlegen kommt ein Schwede um dabei zu helfen. Er ist vom Töre Båtklubb und sie feiern hier miteinander Mittsommer. Er sagt mir: an Mittsommer kann man hier die ganze Nacht die Sonne ganz knapp über dem Horizont sehen. Nur leider ist es jetzt am Horizont bewölkt weshalb dieses Naturschauspiel verborgen bleibt.

Töre Båtklubb
Abendessen…

In der Grillhütte brennt noch das Feuer und es hat gut Glut. Deshalb richte ich schnell etwas für den Grill und einen Tomatensalat. Mit meinem Essen sitze ich auf dem Steg mit Blick Richtung Mitternachtssonne. Der Tag könnte kaum schöner enden.

Aussicht beim Abendessen

Morgen kommt das zweite Ziel – Haparanda. Wind- und Wetteraussichten sind weiterhin gut. Der Wind kommt weiterhin aus Süd. Es gibt nur eine Gewitterwarnung des SMHI für den späten Nachmittag und Abend. Doch bei dem Wind sollte die 33 sm gut bis zum Nachmittag zu schaffen sein.

Haparanda – geschafft…

Samstag, 20.06.2026

Ganz unerwartet ist es am Morgen bedeckt und es nieselt etwas. Eigentlich sollte trocken bleiben. Ich schaue mir den aktuellen Regenradar an. Es sieht nicht schlimm aus und gegen Mittag sollte alles durch sein. Also lege ich wie geplant gegen 10 Uhr ab – ich bin ja wasserfest… Aber Spaß sieht anders aus. Vielleicht kommt er noch.

Der Wind kommt auch nicht ganz so wie erwartet, eigentlich zu sehr aus Ost. Erwartet hatten ich und Orca Südost bzw. Südsüdost. Zwischen den Schären ist der Wind sehr böig mit bis zu 17 Knoten weshalb ich es erst einmal beim Großsegel belasse. Die Geschwindigkeit ist für mich so auch erst einmal o.k. – etwa 4 Knoten. Später geht es raus auf die offene Ostsee und da kann ich dann abfallen auf Halbwind- bzw. Raumwindkurs. Da kann ich die Zeit sicher aufholen. Als es auf Stelle etwas in der Windabdeckung einer Schäre zugeht, sehe ich ein anderes Segelboot hinter mir – ohne AIS, also nicht zu sehen auf dem Plotter. Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen – er kann gerne schneller sein als ich.

Als das Boot näher kommt denke ich: „das wird doch nicht Schröder sein..?“ Tatsache, es ist Schröder. Er hat inzwischen das Segel eingepackt und seinen 9,9 PS Außenborder angeworfen. Ich versuche es trotzdem weiter unter Segel und Schröder zieht an mir vorbei – es wird freundlich gewunken.

Als es raus auf die Ostsee geht kann ich abfallen und die Fock ausrollen

Doch dann geht die Windgeschwindigkeit zurück und die Logge fällt auf unter 2 Knoten. Das macht keinen Sinn. Also werfe auch ich den Motor an und nach einiger Zeit ziehe ich mit meinen 9 PS an ihm vorbei (ich gebe zu, ich habe das Großsegel stehen gelassen). An der Landspitze, an der es dann raus auf die Ostsee geht, trennen sich unsere Wege langsam. Schröder ist inzwischen weit hinter mir. Für mich geht es Richtung Nordost nach Haparanda. Ich kenne sein Ziel nicht aber er bleibt auf Kurs Ost. Jetzt, da ich abfallen konnte, kann ich den Motor ausmachen und die Fock rausziehen und es läuft mit gut 5 Knoten. Aber auch heute ist es kein Tag zum Ausruhen. Immer wieder muss ich genau navigieren wegen Untiefen und wechselndem Wind. Der Wind hat jetzt langsam immer mehr auf Süd gedreht und dreht sogar etwas weiter Richtung Südsüdost. Das ist mir überhaupt nicht recht. Denn später muss ich durch eine Engstelle und die verläuft Richtung Nordost. Es hat ordentlich Welle, knapp 1 Meter misst die Messboje. Ab und an zieht der Wind auf 20 Knoten an, nicht gut. Und Miss Sophie surft auch zeitweise mal wieder etwas auf den Wellen.

Mein Notfall-Plan, falls der Wind an der Stelle zu sehr von hinten kommt, sieht vor, davor die Fock zu bergen. Aber der Wind dreht wieder etwas Richtung Süd und schwächt wieder etwas ab auf 15 Knoten. Die Stelle lässt sich problemlos segeln.

Im Haparanda Archipel ist die Welle weg

Ins Haparanda Archipel geht es dann auf Vorwindkurs (der Wind kommt von hinten). Deshalb berge ich kurz davor die Fock. Die macht jetzt eh keinen Sinn und ich muss noch ein paar Halsen fahren. Je mehr ich in das Archipel hinein komme, desto mehr verschwindet die Welle und es wird richtig angenehmes Segeln. Der Wind wird jetzt auch ausgebremst und fällt auf unter 10 Knoten. Ich komme mir fast vor wie am Bodensee. Im Leichtwind mit 3 Knoten ziehe ich dahin. Der (für meine Verhältnisse) sehr gute Schnitt von 4,8 Knoten sinkt kontinuierlich. Dann, kurz vor Haparanda Hamn, heißt es Großsegel bergen und unter Motor hinein in den Hafen.

Es gibt eine Ansteuerung an Land die knapp an einer Untiefe von 2 Meter vorbei führt. Ich halte vorsichtshalber etwas mehr Abstand auch wenn ich damit nicht der „offiziellen“ Ansteuerung folge. Auch kurz vor dem Hafen hat es noch eine Untiefe die man beachten sollte. Dann ist alles schön durch grün/rote „Stöckchen“ markiert.

Festgemacht – Haparanda Hann

Am Gästesteg liegt nur ein finnisches Motorboot. Hier macht man längsseits fest was mir, einhand, immer sehr entgegenkommt. Dann geht es in das legendäre Clubhaus. Hier hängen unzähliger Wimpel verschiedener Segler die hier angelegt haben – dafür ist Haparanda bekannt. Wer die Ostseerunde macht, besucht sehr wahrscheinlich auch Haparanda. In Töre gibt es keine Möglichkeit sein „Da gewesen zu sein“ zu markieren. Auch ich hänge den Wimpel meines Segelclubs auf und schaue mir die unterschiedlichen Wimpel an. Ich entdecke nur einen weiteren vom Bodensee. Aber wahrscheinlich bin ich der erste, der mit eigenem Boot vom Bodensee Haparanda erreicht hat. Damit ist mein zweites Ziel erreicht.

Das dritte Ziel ist es nun, das Boot sicher und „in time“, also Anfang September, nach Kröslin zu bringen. Ich freue mich jetzt auf Finnland und auf den Süden (mit hoffentlich wärmeren Temperaturen).

Das Clubhaus Haparanda Hamn
Da hängt mein Wimpel zwischen unzähligen anderen…

P.S. Die Stadt Haparanda liegt am Torneälv (ein 410 km langer Fluss) der hier die Grenze zu Finnland bildet.

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